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Vor ungefähr 25 Jahren unterrichtete ich Klavier und Trompete an einer Musikschule in Edmonton, Kanada. An den Nachmittagen herrschte dort ein ständiges Kommen und Gehen: Eltern brachten ihre Kinder, holten sie wieder ab, und wenn es etwas zu besprechen gab, kamen sie kurz zu mir ins Studio.

Eines Tages kam eine Mutter mit ihrer jüngsten Tochter auf dem Arm zu mir, weil Sarah mich etwas fragen wollte. „Kann ich Klavier spielen?“, fragte das kleine Mädchen leise. Die Frage war einfach. Die Antwort hingegen, nicht. Ich wusste zwar, dass manche Kindergärten Musikprogramme anbieten, aber ich war mit dieser speziellen Unterrichtsweise nicht vertraut.

Sarah playing piano at age three
Sarah: Die Inspiration hinter der pre piano Methode.

Zuerst fragte ich, wie alt Sarah eigentlich sei. Fast drei Jahre, oder genau gesagt: zwei Jahre und zehn Monate. Mit Bedauern erklärte ich Sarah, dass ich nur Kinder unterrichte, die bis zwanzig zählen können. Der Blick in ihren Augen gab mir zu erkennen, dass meine Antwort nicht die war, welche sie wollte.

Doch in der darauffolgenden Woche bekam ich erneut Besuch. Dieses Mal wollte Sarah mir etwas sagen. Kurz darauf begann sie zu zählen. So zählte sie fehlerlos und langsam bis zehn. Dann geschah etwas, das schwer zu beschreiben ist: Ihre Augenbrauen zogen sich konzentriert zusammen und dann folgten die Zahlen:

„11 ... 12 ... 15 ... 14 ... 18 ... 11 ... 15 ...“

Da sie nicht aufhörte, Zahlen zu nennen, machte ich eine kleine Handbewegung, um zu signalisieren, dass es okay ist. Ich lächelte und sagte zu ihr: „Ja, du kannst anfangen.“ In diesem Moment verwandelte sich der Gesichtsausdruck, der zuvor höchste Konzentration ausgedrückt hatte, in ein Mona-Lisa-ähnliches Lächeln.

Normalerweise beginnen neue Schüler mit einem Anfängerbuch, das große Noten und einfache Melodien enthält. Doch Sarah befand sich noch in der Phase vor dem Lesen. Ich musste eine völlig neue Musiksprache erfinden, eine Sprache aus Symbolen und Bildern, die es ihr ermöglichte, die Musik zu „sehen“, ohne Noten lesen zu müssen.

In unserer ersten Stunde nahm ich mir ein Blatt Papier vom Kopierer und bat sie um Erlaubnis, den Umriss ihrer rechten Hand nachzuzeichnen. Für die Note C zeichnete ich ein Kamel. Für die Note D wählten wir etwas, das völlig anders aussah: einen Delfin. Und für die Note E einigten wir uns auf den Elefanten.

Nach ein paar einfachen Anweisungen zeigte ich mit meinem Kugelschreiber auf ein Tier und Sarah spielte die entsprechende Note. Ehrlich gesagt war ich verwundert, dass sie diese Verbindung zwischen Tier, Finger und Klaviertaste sofort verstand. Egal, auf welches Tier ich zeigte, sie spielte absolut fehlerlos.

In der zweiten Woche wuchs unser Notenschatz. Ein Fisch und eine Giraffe kamen hinzu, und somit konnten wir nun unsere ersten Lieder spielen, welche sie bereits singen konnte. In der dritten Woche reichten fünf Noten nicht mehr aus, also erweiterten wir unsere fünf Noten um einen Alligator. Ich war erstaunt, wie geschickt Sarah ihren kleinen Finger für zwei Noten einsetzen konnte. So spielten wir in der dritten Woche bereits „Twinkle, Twinkle, Little Star“.

Als Hausaufgabe gab ich ihr eine besondere Herausforderung: Sie sollte eine eigene Komposition schreiben und zeichnen, basierend auf den Noten, die wir schon gelernt hatten. Im Nachhinein war das eine große Entdeckung: Ab da wurde Komponieren Teil des täglichen Übens. Um noch mehr Möglichkeiten zu schaffen, ließen wir auch den Daumen „doppelt“ arbeiten, um auch die Note H zu erreichen. Damit öffnete sich uns eine ganze Welt an neuen Liedern.

In unserer letzten Stunde vor den Ferien fertigte ich Kopien all der Lieder an, die wir bis dahin gelernt hatten.

Dann neigte sich das Schuljahr dem Ende zu. Weil Sarah so unglaublich schnell lernte, lud ich sie ein, am großen Schulschlusskonzert teilzunehmen, das in zwei Wochen stattfinden sollte. Ihre Mutter, die den Unterricht immer beiwohnte, stimmte zu.

Sarah spielte zuerst. Mama brachte sie auf die Bühne und half ihr auf den Klavierstuhl. Inmitten der Stille des Saals spielte sie, sitzend auf zwei Exemplaren der Edmonton Gelben Seiten, ihre eigene Komposition. Das Publikum war so begeistert, dass etliche Stimmen lautstark nach einer Zugabe riefen. Ich flüsterte Sarah zu, ob sie ihr Stück noch einmal spielen möchte. Sie nickte und begann wieder zu spielen. Fehlerfrei, wie das erste Mal. Das Auditorium war mit zirka 200 Gästen bis auf den letzten Platz besetzt, und der tosende Applaus dieses Moments ist mir bis heute unvergesslich geblieben.

Nach dem Konzert fragten mich Eltern, die Kinder zwischen 3 und 5 Jahre hatten, ob ich sie auch im Herbst unterrichten könnte.

Während der darauffolgenden Sommerpause begann ich, diese handgezeichneten Blätter zu überarbeiten. Ich verwandelte die ersten Skizzen in eine strukturierte Methode, die im darauffolgenden Jahr mit neuen Schülern im Alter von 3 bis 5 Jahren verwendet wurde.

Diese Erfahrung mit Sarah und die Jahre, die folgten, veränderten meine Sicht auf die Musikpädagogik grundlegend. Ich erkannte, dass die Freude am Musikmachen nicht warten muss, bis ein Kind lesen kann.

Über den Autor

Mein Name ist Ernst J. Renner. Ich wurde in Österreich geboren und wanderte 1988 nach Kanada aus, wo ich viele Jahre als Musiklehrer gearbeitet habe. Jetzt, im Ruhestand in Vancouver, entwickle ich die Pre Piano und Little Composers Apps für Kinder im Vorschulalter.

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